Erste-Hilfe-Kurse



TEIL 1

Verkosten, Beschreiben, Bewerten

Von Heinfried Tacke

Wie gelingt es, einen Whisky bzw. Whiskey, den man vor sich hat, derart in Worte zu fassen, dass sie das wiedergeben, was einem die Sinne vermitteln? In aller Regel prallt ein ganzes Konzert von Eindrücken auf einen ein. Und wie oft erlebt man, dass man meint dafür nicht die richtigen Worte zu haben oder zu finden? Das kann ganz schön frustrierend sein, vor allem, wenn man jemanden neben sich wortgewandt reden hört als sei das alles ein Kinderspiel. Wie macht der das? Woher nimmt dieser jemand all das, mag man sich fragen. Die Antwort darauf ist allerdings viel leichter als erahnt: Indem man sich einfach traut. Und genau darum soll es hier gehen.

Vom Kopfkino. Oder: Ermutigung zur eigenen Beschreibung

Mit diesem Erste-Hilfe-Kurs möchte ich so vor allem die Leser darin bestärken, dass sie die richtigen Worte und Beschreibungen bereits in sich tragen, man muss sich nur etwas Zeit nehmen sie zu entdecken. Verkos­ten ist Kopfkino. Die Bilder und Eindrücke so zu ordnen und zu filtern erfordert zunächst etwas Übung. Danach aber, wenn man verstanden hat, wie sich einem die verdichteten Eindrücke als Aromen und sinnliche Bilder erschließen, ist es immer von gleicher Art. Ist erst einmal das Prinzip klar, hält man den Schlüssel zu einer großartigen Welt der Worte und Beschreibungen in den eigenen Händen. Ich folge hier dem alten Verständnis der Aufklärung: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes (und damit deiner eigenen Zunge) zu bedienen.“ Sie werden noch sehen, wie gut sich das anfühlt, wenn Sie sich aus dieser vermeintlichen  „Unmündigkeit“ befreit fühlen.

Die erste wichtige Einsicht: Whisky ist ungemein vielfältig

Whisky bzw. Whiskey, je nach Herkunftsland und mithin Schreibweise, besitzt eine grundlegende Gemeinsamkeit: Es sind fassgereifte Branntweine aus Getreide. Das kennzeichnet sie, ist aber schon alles an Überschneidung. Deren Vielfalt ist um ein Vielfaches größer als ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Schottischer Whisky, allen voran Single Malts, sind von anderer Natur als der traditionelle irische Whiskey, der auch ungemälzte Gerste nutzt. Ein Whiskey aus Roggen (Rye) schmeckt anders als jener, der vor allem aus Mais (Bourbon oder Tennessee Whiskey) hergestellt wird. Grain Whiskys werden klassischer Weise nicht in Pot Stills gebrannt, sondern stammen aus Kolonnenbrennanlagen. Ihre Rezepturen nutzen meist mehrere Getreidesorten. Es macht zudem einen Unterschied, ob der Brand zweifach, dreifach oder vielfach – wie im Kolonnensystem – des­tilliert wurde. Und jeder verwendete Fasstyp zur Lagerung und Reifung gibt dem Endergebnis einen anderen Charakter – ob nun ein Fass aus frischer Eiche (Virgin Oak), ob gebrauchte Fässer (Refill), in denen vorher eine andere Spirituose reifte wie etwa Bourbon, Cognac, Rum oder Weine lagerten wie u.a. Sherry, Port, Madeira, Marsala oder Sauternes. Auch die jeweilige Größe des Fasses ist von entscheidendem Belang (Hogshead, Sherry Butt, Port Pipe, Matusalem, Quarter Cask, Octave Cask, etc.). Ganz abgesehen davon, dass jedes Land und teils sogar spezielle Regionen einen ganz eigenen Stil ausprägen. Und selbst vor der Destillation machen sich noch diverse Einflüsse geltend – sei es durch die Wahl und Herkunft des Getreides über dessen Aufbereitung (gemälzt oder als Rohfrucht) bis hin zur Einmaischung und Fermentation des Sudes (Würze). In jedem einzelnen Schritt der Herstellung stecken so viele kleinere und auch größere Einflüsse auf den finalen Whisky. Gerade deswegen besitzt jede Brennerei ihre eigene Philosophie. Das macht das Reden über Whisky so spannend, lässt es allerdings auch so komplex erscheinen.

Der Whisky Steckbrief

  • Welches Land?
  • Welche Region?
  • Welches Klima?
  • Welche Brennerei?
  • Welche Sorte? 
  • Welche Besonderheiten?
  • Welches Fass/Welche Fässer?

Die erste Hilfe: Informationen ordnen und sichten

Um in dieser Fülle an Unterschieden und Eigenheiten nicht unterzugehen, empfehle ich deswegen, sich zu jedem Whisky eine Art Steckbrief anzulegen. Mit ihm ordnen und sichten Sie die wichtigsten Informationen, die Ihnen die entscheidenden Hinweise für die eigene Verkostung geben:

Mit diesen Grundinformationen, zu denen auch spezielle klimatische Einflüsse wie u.a. die Lagerung am Meer oder etwa in großer Höhe gehören können, erhält der Whisky bzw. Whiskey ein erstes Profil und Gesicht. Was dies im Glas, in der Nase und auf dem Gaumen bedeutet, lässt sich dann viel eindeutiger erkennen und zuordnen.

Die erste Übung: Eine kleine Charakterkunde

Der zweite, wichtige Tipp lautet: Legen Sie nach einem ersten Probieren zunächst den Grundcharakter fest. Handelt es sich um einen leichten, milden Tropfen? Oder eher um einen kraftvollen bzw. gar rauen Gesellen? Wirkt er elegant? Oder vielleicht gar weiblich? Oder kommt er ihnen schwer und gehaltvoll vor? Ist es eine „süße Praline“? Oder eine rauchige „Torfbombe“? Mit solchen ersten Beschreibungen nähern Sie sich dem Charakter eines Whiskys. Greifen Sie dabei ruhig zu ihren eigenen Worten, denn niemand schreibt hier feste Begriffe vor. Sie werden feststellen, um wie vieles leichter es danach fällt, alle anderen noch zu entdeckenden Nuancen und Aromen diesem Tropfen anzuheften. So drängen sich die folgenden typischen Charakteristiken eines Whiskys auf, die sich aber nicht alle gegenseitig ausschließen, sondern gern auch in Kombination auftreten – etwa: „Ein leichter, milder, fruchtig-würziger Whisky“:

Die wichtigsten Whiskycharaktere

  • Leicht
  • Mild
  • Süß
  • Fruchtig
  • Malzbetont
  • Würzig
  • Rauchig/Torfig
  • Floral
  • Elegant
  • Komplex/dicht
  • Schwer
  • Kräftig

Diese Liste an Charakteristiken, die beliebig ergänzt, kombiniert und auch in andere, launigere Worte gefasst werden könnte, beschreibt einen Whisky in aller Regel bereits recht treffend. Das Reden über ihn wird danach deutlich leichter und heftet ihm so nur noch weitere entdeckte Merkmale und Kennzeichen an. Womit wir uns bereits auf die Ebene der professionellen Verkostung begeben. Sie gibt alle weiteren Schritte vor:

Die hohe Schule der professionellen Verkostung

1. Das Vorspiel: Die erste Sichtung

Die professionelle Verkostung geht in vier immer gleichen Schritten vor. Den Beginn macht die Sichtprobe, noch vor der Annäherung mit der Nase. Wie präsentiert sich der Tropfen im Glas? Im Fokus stehen dabei zum einen das Spiel der Farben und zum anderen die Fließeigenschaften des Whisk(e)ys. Allein das Farbenspektrum kann sehr groß sein. Es reicht von sehr wässrig-blassen Tropfen über strohgelbe Farben bis zu grünen Tönen von Gras und Heu und setzt sich mit den typischen Tönen von Gold- und Amber („flüssiger Sonnenschein“) bis hin zum rötlich, rostbraunen Schimmer von Bernstein, Kupfer, Kastanie und Mahagoni fort. Die Farbe sagt dabei stets etwas über die Dauer und Art der Lagerung bzw. Reifung aus. Gleiches gilt für die Viskosität des Whiskys. Je öliger und dickflüssiger sich der Tropfen am Glas abzeichnet, wenn man ihn leicht schwenkt, desto intensiver ist er und desto prägender war der Einfluss des Fasses, in dem er reifte. Mein Tipp: Wer sich dafür genügend Zeit nimmt, bekommt bereits eine erste Idee von dem, was auf ihn danach in der Nase, auf dem Gaumen und zuletzt in der Kehle noch wartet. Es ist wie ein Vorspiel und Teil des Genusses.

Farbe & Viskosität

  • helltönig
  • strohgelb
  • Goldfarben
  • Amber
  • Bernstein
  • Kupferfarben
  • Nussbraun
  • viskos
  • leichtflüssig ölig und schwer

2. Der Flirt mit der Nase: Das erste Beschnuppern (Nosing)

Der zweite Schritt wird von unserem Riechorgan bestimmt. Welche Aromen drängen sich auf? Wieder handelt es sich nur um eine Annäherung. Nach ersten Eindrücken wird die Nase genauer. Die Gerüche ordnen sich, wenn man sie einzeln wie Folien ablegt. Man schnuppert beispielsweise Nussaromen. Gut. In einem zweiten Anlauf sollte man jetzt versuchen, konkreter zu werden. Welche könnten es gewesen sein? Etwa Mandeln? Oder Erdnüsse? Oder noch andere? Hat man diese erkannt – wenn nicht, belässt man es schlicht bei dem Vermerk Nuss – geht es auf zum nächsten Hauch. Möglicherweise deuten sich Früchte an. Sind es rote oder weiße? Eher Apfel und Birne (weiß) oder Beeren und Kirsche (rot). Haben sie etwa tropische Anklänge (Ananas, Mango, Papaya) oder einen leichten Biss von Zitrus (Orange, Zitrone, etc.)? Oder sind es stärker reife, schon gedörrte Noten? Man wäre damit auf der Spur von Trockenfrüchten wie Rosinen, Pflaumen oder Datteln bzw. eingemachten Obst wie bei einer Konfitüre. Oft fügen sich dann Aromen wie Backdüfte (Toffee, Karamell, Vanille) an. Ebenso können es würzige Aromen sein. Welche? Und gern Noten von Rauch, Kräutern, blumigen Düften, etc.. Um sich hier weitere Anregung zu holen, welche Aromen dies im Einzelnen sein könnten, ist dem Artikel ein Raster der markantesten Noten angefügt. Früher gab es hierfür gern sehr komplex angelegte Aromaräder. Sie haben sich aber als zu unübersichtlich erwiesen und damit überlebt.

Die häufigsten Aromen

Süße
Karamell, Honig, Rosinen, Malz, Gebäck, Schokolade

Früchte
helle, dunkle, reife, tropische, gedörrte, Marmelade

Würze
Vanille, Zimt, Muskat, Tabak, Leder, Kaffee, Röstaromen

Holz
Bourbon, Sherry, Port, Weine, alter Schrank, altes Holz

Nuss
Haselnuss, Walnuss, Mandeln, Bittermandeln, geröstete Nüsse, Chips

Düfte
Gras, Heu, Moos, Kräuter, Blumen, Braten, Parfüm (Sandel)

Rauch
Torf, Ofenrohr, Kartoffelfeuer, Grill, geräucherter Schinken

Meer
Seeluft, Salz, Seetang, Fischernetze

Medizin
Jod, Pflaster, Alkohol, Lösungen, Medizinschrank

3. Das Verkosten: Mit dem Gaumen schmecken und riechen

Wer schon so lange durchgehalten hat, ohne gleich zu nippen, was ein Kompliment für diese Disziplin verdient, der will natürlich endlich den Tropfen auf seine Zunge bringen, weil da das eigentliche Vergnügen wartet. Dennoch: Man begnüge sich mit einem nicht zu großen Schluck. Den aber rolle man langsam und mit Zeit auf dem Gaumen. Zu starker Alkohol kann im ersten Moment beißen, doch es helfen kleine, kauende Bewegungen. Sie sorgen auch dafür, dass sich der Whisky bzw. Whiskey im ganzen Mundraum entfaltet und „fest hängt“. Wenn man dann noch zart Luft durch die nur knapp geöffneten Lippen einzieht, können sich die Aromen, die man ja gerne erschließen will, noch besser im Rachenraum ausbreiten. Denn dort, „rektronasal“ ist der Fachbegriff dafür, ist das Zentrum, mit dem wir tatsächlich schmecken, was nicht anderes bedeutet, als dass wir – hinten herum über den Rachen – riechen, denn es ist längst Allgemeingut, dass die Zunge nur süß, salzig, bitter und sauer unterscheidet. In den Backentaschen zeigt sich so etwa das Mund wässernde Gefühl von Salz. Auf der Mitte der Zunge entfaltet sich derweil die Süße des Malzes oder Getreides, manchmal wie Pralinen, gewürzt mit bitteren Nuancen. Im Mund- und Rachenraum wirbeln indes die restlichen Aromen. Sie bilden einen konzentrierten Speicher, dem man zum Glück länger nachschmecken bzw. „nachschnuppern“ kann. Es verlangt zwar Konzentration, aber so geben sich, wie beim Nosing zuvor, die markantesten Aromen und Eindrücke preis. In der Regel sollten sich dabei die Aromen erneut zeigen, die man auch schon vorher errochen hatte. Doch nicht selten offenbaren gute Whiskys auf dem Gaumen ganz neue Nuancen, die den Genuss noch steigern. Und um den geht es ja, über den man so gerne redet.

„Dennoch: Man begnüge sich mit einem nicht zu grossen Schluck. Denn aber rolle man langsam und mit Zeit auf dem Gaumen. Es helfen kleine, kauende Bewegungen. Im Mund- und Rachenraum wirbeln nun die Aromen. Sie bilden einen konzen­trierten Speicher, in den man zum Glück lange hineinschmecken kann.“

4. Das Finish: Vom „Nachruf der Aromen“

Das Schöne daran ist: Damit ist das Ende noch nicht erreicht. Intensive Tropfen hallen nach. Es ist wie ein sinnliches Rauschen aus den Tiefen von Rachen, Brust und Magen. Ich nenne es persönlich den Nachruf der Aromen. Und auch das wird professionell festgehalten: Die Länge des Nachhalls und dessen Intensität werden in Worte gefasst. Ein eindeutiger Kanon liegt dafür zwar nicht fest. Aber: Man versucht dieses Finish in Dauer und Charakteristik festzuhalten. Objektive Kriterien sind: Wie lang hält es an? Welche Aromen bleiben „haften“? Und nicht zuletzt: Wie tief „wirkt“ der Tropfen im Körper nach? Das lässt sich meist leicht benennen. Manche Tropfen stoppen abrupt auf Höhe der Kehle. Andere strahlen wie eine Ganzkörperheizdecke bis in die Füße aus. Gerade für Letztere haben die Schotten den schönen Ausdruck vom so genannten „winterwarmer“ erfunden…

Der Schlüssel zum Schnuppererfolg: Ihre Erinnerungen…

Und? Ich ahne die immer noch fragenden Blicke der Leser: Wie erkenne ich denn das alles. Wieder würde ich ihnen dafür gerne zwei Tipps geben. Nehmen Sie einmal ein paar der häufigsten genannten Früchte (Apfel, Birne, Orange, Pfirsich) und sonstigen Aromen (etwa Toffee, Keks, Karamell) zur Hand und probieren sie diese direkt, bevor sie einen Whisky verkosten. Sie werden schnell bemerken, dass sie Schwierigkeiten bekommen, diese genau so beim verkosteten Tropfen wiederzuentdecken. Na Bravo! Welch Beruhigung für alle, die immer schon wussten, dass sie das so nie schmecken können, was andere so wortgewandt in die Runde werfen, sich aber selbst Vorwürfe machen, zu ungenau zu sein. Die ganze Wahrheit ist nämlich, dass die oft und gern ventilierten Taste Notes bestenfalls von Ähnlichkeiten sprechen. Im englischen Raum drückt man dies bescheidener aus: Dort heißt es dann „hints of“, was nicht anders meint als „Spuren von“. Womit die Übung auch klar macht, warum es ergo eigentlich geht, nämlich sich möglichst die Frage zu stellen: „An was erinnert mich das, was ich gerade eher komprimiert und meist nur andeutungsweise in dem Whisky rieche?“

Die wichtigsten Kriterien beim Finish:

  • Länge des Nachklangs?
  • Welche Aromen bleiben haften?
  • Wie tief wirkt der Whisky?

…und die lebendige Sprache der Erinnerungen

Zugleich legt es die alles entscheidende Spur zu ihrem persönlichen Schnuppererfolg: Überlassen Sie sich einfach ihren Erinnerungen und Assoziationen! Denn die moderne Neurowissenschaft über unsere Sinne und Wahrnehmungen weiß schon lange, dass unser Riechen und Schmecken zutiefst mit unseren Erinnerungen verknüpft ist. Und die Sprache der Erinnerungen ist höchst lebendig. Die Worte kommen in der Regel ganz von selbst. Das Weihnachtsgebäck Zuhause. Die alte Zigarrenschachtel von Opa. Der Kleiderschrank der Freundin. Der Zitronenkuchen von Tante Frieda. Der Geschmack des ersten Kusses. Das unvergessene Parfüm des Partners. Die Frühlingswiese, auf der man einst lag. Der letzte Waldspaziergang. All diese sprechenden Bilder, die sofort im Inneren die Gerüche dazu freisetzen, lassen sich beliebig fortsetzen. Sie helfen und sie lösen die verstockte Zunge. Wie wäre es also, wenn wir mehr derart über Whisky bzw. Whiskey reden und sinnieren würden? Kein streng reglementierter Kanon mehr, wie zuvor beschrieben? Stattdessen ein tatsächliches Strahlen freier Worte, ganz im Sinne der schönen Rede vom „flüssigen Sonnenschein“. Also: Nur Mut! Sie können das. Da bin ich mir ganz sicher…


TEIL 2

Vom guten Zuhören

Eine wiederkehrende Anstiftung

Von Heinfried Tacke

Den aufmerksamen Lesern des Guides wird sicher nicht entgehen, dass dieser Artikel schon im letzten Jahr im Buch war – nicht völlig identisch, doch ähnlich. Ich will es auch gar nicht verhehlen. Es ist ja richtig. Dass ich daran festhalte, mag zeigen, wie sehr mir diese Sache am Herzen liegt. Und da meine Anregung vom letzten Mal nicht völlig abgetan wurde, bin ich gewillt, an Deutlichkeit nachzulegen. Offenkundig wurde es nicht einfach als Spinnerei eines Menschen gedeutet, der schon zu oft und zu viel zu tief ins Nosing-Glas geschaut hat. Die Sorge hatte ich tatsächlich. Denn diese so berühmte Liedzeile „Kein Mensch hört mir so zu wie Du“ aus dem legendären „Johnny Walker“ Song springt einem fast zwangsläufig in den Kopf, wenn jemand meint vom guten Dialog mit seinem Whisky im Glas philosophieren zu müssen. Dass es mir dabei jedoch gerade nicht um jene selbstmitleidige Abkehr von der Welt eines mehr oder weniger dem Alkohol verfallenen Protagonisten geht, hatte ich beim letzten Mal schon unmissverständlich betont und ausgeschlossen. Nur um welche Art von ins Gespräch kommen geht es mir dann? Will ich etwa, dass Sie immer erst ihr Glas ans Ohr halten, um so dem unvermeidlichen „Muschelrauschen“ des Whiskys zu lauschen, so dass Ihnen unter Umständen dieses windige Geräusch die geografische Herkunft des Tropfens zusäuselt? Das Phänomen des Rauschens ist übrigens ganz real. Machen Sie nur einmal die Probe aufs Exempel. Der Rest ist indessen reine Analogie. Allerdings auch ein schönes Bild dafür, dass so gut wie jeder Whisky über die Jahre von Wetter und Gezeiten gegerbt wird, um zu dem zu werden, was wir unter Umständen just in diesem Moment in unserem Glas zu genießen beabsichtigen. Und um diese so verzückende Spur geht es mir tatsächlich. Im Ernst, jetzt.

„Kein Mensch hört mir so zu wie Du“

Ich hatte beim letzten Mal einen Umweg gewählt, um mein Ansinnen deutlich zu machen. Und genau dabei bleibe ich. Ich hebe den Menschen als ein zur Vernunft begabtes Wesen hervor und trenne das Genießen unter dieser Prämisse eben gerade nicht als unvernünftiges Tun ab. Im Gegenteil. Ich mache die beiden zu Komplizen, und es ist mir völlig schnuppe, zu welcher Seite hin Sie es für sich mehr auflösen – ob mehr hin zu dem genüsslichen oder mehr „vernünftigen“ Gebrauch Ihrer Sinne. Denn ob oder so: Ein guter Whisky, mit Hingabe, Bedacht und mit Würde genossen, öffnet nicht nur die Schleusentore der Sinnenwelt. Er wird zugleich zu einer Art Meditation, der mit seiner ganzen Strahlkraft in das Innere all unserer archivierten Erfahrungen wie auch Gedanken leuchtet und sie auf wundersame, aber immer auf sehr anregende Weise wach zu küssen scheint. Plötzlich gerät etwas in Schwingung. Der Whisky nimmt mit uns Verbindung auf, und im besten Sinne, weil längst ekstatisch, werden beide Parteien zu kommunizierenden Röhren, zwischen denen es zu knistern und zu funken beginnt. Mit etwas weniger Pathos ausgedrückt: Der Whisky entfaltet sich in uns und nimmt uns mit auf eine Reise. Ja, er sucht das Gespräch mit uns. Prüfen Sie gern einmal diese gewagte These. Ich weiß. Das klingt nach starkem Tobak. Noch…

Vernunft als Vernehmen

Kennen Sie indes diesen starken Ausruf: „Junge, nun nimm doch Vernunft an“? Ich gebe gerne zu, dass ich das häufiger gehört habe und dass ich meist selbst der Adressat dieser flehentlichen Anrufung war. Erst viele Jahre später in meinem Studium der Philosophie stieß ich dann wieder auf dieses Motiv. Da lernte ich, dass auch in der ursprünglichen Herkunft des Wortes Vernunft die Bedeutung von Vernehmen steckt. Wenn man also aufgefordert wird Vernunft anzunehmen, dann will man vor allem dies: Hör genauer hin! Nimm besser wahr! Sei aufmerksam auf das, was wirklich zählt! Es ist auch eine Form von Korrektur. Man soll sich einen Ruck geben. Sich besinnen. Also stiller werden. Um dann auf jene Kräfte zu stoßen, die einen tatsächlich zu leiten wissen. Das kann, übrigens – auch darum will ich nicht herumreden – einen stark moralischen Impetus besitzen. Nur darum geht es mir hier ganz sicher nicht. Allerdings um das, was wir im übertragenen Sinne davon mit auf unseren Weg nehmen können: Das gute, genaue Hinhören. Ich könnte auch sagen: Die hohe Kunst des Vernehmens. Ich könnte sogar schlussfolgern: Ein Genuss, der Vernunft angenommen hat und darin fürwahr gipfelt. Ich will aber nicht übertreiben. Nehmen Sie also nur einmal die zuvor verwendeten Umschreibungen und gleichen Sie es mit dem Phänomen Whisky ab. Auch da wollen wir doch an etwas, was diesen Whisky so eigen und so besonders macht, herankommen. Und? Hat das nicht auch viel von besagter hoher Kunst des Vernehmens? Und damit vom guten Zuhören? Na!? Lichtet sich so langsam die Spur, wohin ich Sie entführen möchte?

Wenn die Seele lächelt

Ich fordere die Teilnehmer von Tastings, die ich ab und an halte, immer wieder gerne auf, sich frei zu machen von den vermeintlich so strengen Vorgaben von Taste Notes, sich auch nicht in der Suche nach irgendwelchen möglichen Aromen zu verlieren, sondern sich ganz ungezwungen dem hinzugeben, was ihnen gerade zu dem Whisky einfällt. Ein Teilnehmer meldete sich und sagte: „Meine Frau und ich greifen immer nur zu einem schönen Tropfen Whisky, wenn die Seele in uns lächelt“. Geht das überhaupt noch besser? Genau so wird das Genießen zu einem gegenseitigen Ineinandergreifen. Und nur dann öffnet sich auch das in unserer Wahrnehmung, wovon hier meine Rede ist. Das imaginäre Gespräch, in das uns der Whisky zu ziehen sucht. Man bedenke einmal, wie lange der Whisky, den man just im Glas hat, zuvor im Dunkeln des Fasses und Warehouses vor sich hin schlummerte, wie viele Stürme und Gewitter, wie viel Hagel, Regen und Schnee, ja, wie viel heiße Tage und scharfe Winde, wie viel Ärger und Freuden, ja, wie viele Weltereignisse an ihm in all diesen Jahren vorüber zogen, fast stoisch wie ein Buddha, um währenddessen jene Reife und Fülle zu erlangen, die uns nun zuallererst in die Nase springt, sich dann auf den Gaumen legt, um schließlich beim Rinnen durch die Kehle seine letzten Worte zu uns zu sprechen. Wir alle, die wir Whisky lieben, sind uns einig, dass wir diesem Erlebnis durchaus seine ganz eigene Zeit widmen sollten. Uneins könnten wir uns jedoch hierüber sein: Eine Philosophie – oder auch Religion – ist immer nur so gut, wie viel Welt in ihr enthalten ist. Ich behaupte das so. Doch genau das denke ich über Whisky. Je näher er mir kommt, je mehr er mir zu sagen hat und zu erzählen weiß, ja, je mehr es ihm gelingt, dass ich mich in ihn vertiefe, umso mehr an Genuss im kulturellen und vernunftbegabten Sinne vermittelt er uns.

Die hohe Kultur der Entrückung

So langsam wird klar, was ich meine, oder? Dass ich in dem Genuss, den Sie auch selber kennen, zugleich etwas sehr Werthaltiges eingelagert sehe, nämlich im Sinne einer hohen Kultur. Denn ein guter Tropfen entrückt uns dem Moment. Er weitet unsere Sinne. Er vertieft unser Erleben. Er zieht uns hinaus ins Weite, ja, er beflügelt uns auf magische Weise – wenn es denn nicht schon das berauschende Gefühl des Alkohols ist, der seine Wirkung tut. Das, was ich so gern stärker in den Blick rücken möchte, ist dieses sinnliche Gewebe aus Bildern und frei schwebenden Gedanken und Gefühlen, das wir so schön und so oft beim Whisky erleben können. Und genau dieses Erleben würde ich mit einer Art Dialog oder Gespräch vergleichen. Deswegen auch die Rede vom guten Zuhören.

Jim Murrays „Lektionen im Zuhören“

Diese Forderung nach dem guten Zuhören darf ich übrigens gar nicht originär für mich beanspruchen. Meine Freude darüber war geradezu diebisch, als ich im letzten Jahr keinen Geringeren als Jim Murray in Hamburg genau diesen Tenor anstimmen hörte. Nicht, dass wir immer einer Meinung wären. Über seine „Whisky Bible“ und deren Nachbeterei unter den Heerscharen von gläubigen Anhängern ließe sich trefflich streiten. Egal! Mit der ganzen Erfahrung ungezählter Proben und Verkostungen beschrieb er an diesem Abend, wie wichtig es ist, sich dem Whisky erst einmal gut zu nähern. Schön war so seine Geste, den Whisky im Glas zunächst mit beiden Händen umklammert an die Brust zu führen, um sich gemeinsam anzunähern und „warm miteinander zu werden“. Um dann die Augen zu schließen, damit man sich den ersten „Äußerungen“ des guten Tropfens widmen kann. Murrays „Lektionen im Zuhören“ umfassen derart fünf Schritte, die man sich als Hilfestellung denken darf, um sich gut geschult einem Whisky zuzuwenden. Auf mich wirkt es jedoch wieder wie ein starres Regiment. Gute Gespräche brauchen nach meiner Erfahrung jedoch keine großen Regeln. Das ist eher was für eine Paartherapie. Da, wo es klemmt oder hakt, weil man nicht mehr gut miteinander auskommt. Bloß: Haben wir dieses Problem tatsächlich beim Whisky? Ich meine nicht. Da erklimmen wir das Kamasutra eines intensiven Entdeckens und Erlebens doch vor allem ungehemmt, oder?

Die Not der Taste Notes

So ist das auch eine echte Not mit den Taste Notes. Manchmal würde ich sie am liebsten verdammen. Doch historisch betrachtet gibt es einen guten Grund für sie. Es gab Zeiten, da wurde sehr vage, dafür aber umso blumiger über Whisky geschrieben. Bis vor etwas mehr als 30 Jahren die Forschungen zu den Aromarädern begannen. Sie sollten das Reden über Genüsse fundierter, systematischer und objektiver machen. Doch im Ergebnis erleben wir heute längst einen Überbietungskampf beim Sezieren dezidierter Aromen. Wenn Sie nicht täglich ihre Nase über Heerscharen von Duftproben hängen, können Sie da kaum mehr mithalten. Schlimmer noch: Je mehr die Taste Notes mit Aromen hausieren gehen, umso besser verkaufen sich die Whiskys. Auch dieses Instrument ist also längst einem Missbauch anheimgefallen – einer ganz eigenen Mischung aus selbstgefälligem Wortgeklingel und schnödem Geschäftssinn. Was mich aber noch am meisten stört, ist: Diese überbordende Fülle aufgereihter Aromen klingt mehr nach Obstgärten oder einem Streifzug durch eine Duftoase, doch bei weitem nicht mehr nach einem Whisky und schon gar nicht nach dem, was ich dabei tatsächlich erlebe. Nein! Mit diesen Aromaergüssen hat man sich schlicht vergaloppiert.

Typen, Charaktere und Erzählungen

Mithin wünsche ich mir wieder stärker den Fokus auf das tatsächliche Erleben des Whiskys. Und mir hilft es dabei immer wieder, sie wie einen Gesprächspartner zu nehmen. Mit wem habe ich es also zu tun? Was ist markant? Was weiß er zu erzählen? Was sagt er vielleicht absichtlich nicht? Wie redet er überhaupt? Hat er gar einen fremdländischen Akzent? Was ich damit sagen will: Whiskys haben immer irgendwie einen markanten Zug an sich. Und legen damit zugleich einen bestimmten Charakter an den Tag. Sie sind so oft eine Art Type, männlich wie weiblich, manchmal gar wie Diven und Stars, mit Launen und Misstönen oder auch nur einem netten Song auf den Lippen, mal raubeinig, mal galant, mal wohlfeil, mal schwierig, mal verschlossen, mal, wer weiß was noch alles… Das Bilderreich, mit dem wir uns einen Whisky erschließen können, ist schier endlos. Und dies in Typen, Charaktere oder auch Erinnerungen und Erzählungen zu packen statt uns dieser neuen Diktatur von Aromen zu ergeben, dafür breche ich an dieser Stelle ausdrücklich eine Lanze.

„Jeder Whisky erzählt eine Geschichte“

Und schlage mich damit gerne auf Jim Murrays Seite. „Jeder Whisky“, so sagte er an diesem denkwürdigen Sommerabend in Hamburg, „erzählt eine Geschichte“. Nur, die will auch gehört und verstanden werden. Das ersetzt im Übrigen nicht die Expertise. Sie ist nach wie vor gefragt und gefordert. Hinter dem „Uisge beatha“, dem Wasser des Lebens, steckt eine überaus reiche und alte Geschichte. Das erfordert Studien und Recherchen. Doch mit jedem Wissen mehr steigert sich auch der Genuss. Der, jedoch, ist nun eben nicht nur ein  Geschehen, dass ich im Geruchslabor sezieren kann. Dazu passen kein weißer Kittel, auch keine isolierte Essenz und schon gar nicht eine sterile Anordnung. Vielleicht muffelt sogar der Sessel, in dem ich gerade meinen Whisky degustiere. Doch genau so ist das Leben. So erzählt es seine Geschichten. Und von dieser Art ist auch der Whisky. Man muss sich seiner nicht bemächtigen. Man muss sich ihm nur eine kleine, meistens schöne Weile hingeben und so immer mehr in ihn hineinkriechen und -horchen. Mehr braucht es eigentlich gar nicht…